Das Kisten-Syndrom

Seit ungefähr 3 Jahren lebe ich ein Leben auf 2 Kontinenten. Ende 2015 entschied sich mein Mann Beto in seine Heimat Mexiko zurückzukehren. Und ich entschied mich, in Deutschland bleiben und in regelmäßigen Abständen nach Mexiko zu pendeln. Seither packe ich also alle paar Monate alles Überlebenswichtige in zwei Koffer – und alles andere wird in Kisten eingelagert und bei meiner Familie untergestellt. Dass es überhaupt möglich ist, sein Leben in 2 Koffer zu packen, verdient eigentlich einen eigenen Eintrag, dazu vielleicht ein andermal mehr. Aber zurück zu all dem, was die Reise über den großen Teich nicht antreten darf und wohl oder übel in Kartons auf Dachböden und Kellern einstauben wird. Was ist eigentlich damit?

An was hängt mein Herz?

Meine Sachen

Ab und zu kommt in Gesprächen mit meiner Mutter oder meiner Schwester das Thema auf MEINE SACHEN. „Wann willst du die denn mal holen?“ oder „Da liegt ja noch was von dir rum…“. Ja, es tut mir leid, in der Regel hinterlasse ich ein Abschiedsgeschenk in Form von ein paar Kisten. Momentan habe ich den Großteil meines Hausstandes bei meiner Mama und bei meiner Schwester untergestellt. Dinge, die nicht lebensnotwendig sind, aber an denen ich hänge, von denen ich mich nicht trennen kann oder von denen ich überzeugt bin, dass ich sie eines Tages brauchen werde. Insgesamt beläuft sich mein Hab und Gut auf ca. 13 Umzugskartons, was ich ehlicherweise, für 32 Lebensjahre garnicht mal so viel finde. Außerdem ist es nicht das erste Mal in meinem Leben, dass ich Teile meines Besitzes irgendwo zwischenlagern muss. Nein, wenn ich genau darüber nachdenke, könnte man dies sogar als ein spezielles Gisa-Verhaltensmuster identifizieren. Aber wann hat das eigentlich angefangen??

Ich erinnere mich, als ich damals Anfang 20 mein Elternhaus verlassen habe, war es mir ganz wichtig, ALLES mitzunehmen. Ich wollte kein Kinderzimmer mehr, keine Kisten auf dem elterlichen Speicher, kein Zahnbürsten-Backup. Ich war nun schließlich erwachsen und hatte nicht vor, wieder zurückzukehren, weshalb also Kisten da lassen?

Als dann die erste große Liebe vorüber war und ich aus der gemeinsamen Wohnung raus musste, war die Situation plötzlich anders. Ich hatte auf die Schnelle nur ein bereits möbliertes WG-Zimmer gefunden, 9 Quadratmeter groß – unmöglich, meinen Krempel aus der gemeinsamen 2-Zimmer-Wohnung da auch nur ansatzweise unterzubringen. Also alles ins Zimmer stopfen, was Platz hatte, den Rest bei Papa untergestellt. Da waren sie, die ersten abgestellten Kisten. Das erste mal einen Teil meines Lebens ausgelagert.

Ein Jahr später fand ich endlich eine neue Wohnung. WG-Neugründung mit zwei wunderbaren Mitbewohnern. Und ich konnte meinen Krempel abholen und in die neue Wohnung einsortieren. Ich war wieder komplett. Dann kam Beto und die Mexiko-Sache. Und plötzlich war ich wieder dabei, mein Leben in Kisten einzupacken. Ich kann mich noch genau an die Situation erinnern, als ich mein heißgeliebtes Zimmer ausgeräumt habe, in 10 Umzugskartons, nichtsahnend, wann und wo ich diese irgendwann wieder auspacken werde. Ich hatte meinen Job für ein halbes Jahr pausiert und so die Möglichkeit, 6 Monate bei Beto in Mexiko zu sein. Der Plan war, danach einen Plan zu haben. Was ich tatsächlich hatte, war ein dicker Bauch: Lola war unterwegs. Und für mich war klar: sie kommt in Deutschland zur Welt. Auch wenn das viele Monate Trennung von meinem Mann bedeutete. Und ich wieder ein paar Kisten ausgepackt, wieder eine Bleibe gesucht, wieder WG-Zimmer, zur Zwischenmiete bis zur Geburt. Danach konnte ich bei meiner Schwester wohnen, für den Anfang mit kleinem Baby perfekt. Sobald Lola auf der Welt war, war klar: wir wollen so schnell wie möglich nach Mexiko. Ich also Schwangerschaftsklamotten, Neugeborenenstrampler, Spucktücher und Wickelauflagen in Kisten gepackt und in die letze Ecke des kleinen Kellerraums meiner Schwester geparkt. In der Hoffnung, sie bald wieder abholen zu können.

Du bist, was du hast

Warum nicht einfach loswerden? Klar, ich könnte alles, was nicht in meine zwei Koffer passt, wegschmeißen, verschenken, verkaufen, einfach loswerden. Will ich aber nicht. Meine Sachen sind doch irgendwie meine Identität. Fotos, Klamotten, Deko, Schmuck, ein Milchaufschäumer, eine Wärmedecke, Bücher, meine Nähmaschine, usw. Alles Dinge, an denen ich hänge, die ich mit Erinnerungen oder wichtigen Lebensereignissen verknüpfe und von denen ich mir einbilde, dass sie ein Stück weit ausmachen, wer ich bin. Ich will mich von diesen Dingen nicht trennen und auch wenn ich sie nicht benutze, es gibt mir eine eigenartige Ruhe zu wissen, dass ich sie besitze und dass ich sie eines Tages wieder vereint an einem Ort haben werde. Dieser Ort wird dann meine Heimat, mein ZUHAUSE sein. Und so lange ich den noch nicht gefunden habe, so lange bleiben wohl auch die Kisten eingelagert.

Es fällt mir immer schwer, meinen gegenwärtigen Lebensstil zu beschreiben, weil er so ungewöhnlich und anders ist, als der meiner Freunde und Familie. Aber für mich ist es mehr, als nur ein Aus-Dem-Koffer-Leben, es ist eben auch ein Irgendwo-Meine-Kisten-Zwischenparken. Ich bin meiner Familie unendlich dankbar, dass sie das so für mich mittragen und meine Kisten „er“-tragen. Und ich freue mich unglaublich auf den Tag, an dem ich meine Schwester anrufen kann, um ihr zu sagen, dass ich meine Kisten abholen werde. Denn dann werde ich hoffentlich endlich angekommen sein.

Mexikos Männer

Jetzt mal Butter bei die Fische (und ja, dieser Text kann Spuren von generalisierten Vorurteilen enthalten): Wie ist es, mit einem Mexikaner verheiratet zu sein?

Ich kann mich noch gut an die Situation erinnern, als ich meinem Vater das erste Mal von meiner noch frischen Liebe zu Beto erzählt habe. Seine Reaktion: „Na, die Mexikaner gehören ja nicht gerade zu meiner Lieblings-Nation“. Klar, es gibt jede Menge Vorurteile:

  • Mexikaner sind unehrlich und betrügen nur
  • Sie meinen es nicht ernst und sind nur auf Spaß oder mein Geld aus
  • Sie treiben uns mit ihrer Eifersucht in den Wahnsinn
  • Sind doch alles Machos, für die eine Frau nicht mehr ist als Köchin und Putzhilfe

Aus meiner eigenen Erfahrung (und nur darüber kann ich sprechen) muss ich sagen, dass ich nichts von alledem auch nur annähernd bestätigen kann. Natürlich ist der Machismus ein nicht unerhebliches Problem und ich will garnicht von der Hand weisen, dass dieser sicherlich in einigen Beziehungen konfliktträchtig wirkt, aber ich habe das Glück, mit einem Mann verheiratet zu sein, der aus einer Region im südlichen Mexiko kommt, wo tatsächlich das Matriarchat vorherrscht. Hier haben die Frauen meist die Kontrolle über die Finanzen der Familie, wickeln Geschäfte ab und haben auch so wenig mit dem „Heimchen am Herd“ zu tun. Unsere Beziehung ist demnach gleichberechtigt und geprägt von gegenseitigem Respekt, wir nehmen uns gegenseitig auf Augenhöhe wahr (an dieser Stelle sei mal meiner Schwiegermutter für die tolle Erziehung meines Mannes gedankt). Klar, meine Familie ist besonders und ich weiß, dass es nicht überall in Mexiko so harmonisch zugeht. Im Gegenteil: ich höre auch im Freundeskreis immer wieder Geschichten, wo sich Mädels immer noch von ihren Partnern unterdrücken lassen. Doch auch Mexikos Gesellschaft ist im Wandel und so hoffe ich, dass sich da in den nächsten Jahrzehnten noch so einiges ändern wird.

Die Sache mit der Treue

Ich bin der Meinung, dass Treue und Loyalität unabdingbar sind für eine gut funktionierende Beziehung. Dies sind für mich persönlich Werte, nach denen ich leben möchte und die ich meiner Tochter vermitteln will. Von Beginn an war die Beziehung zu Beto so aufrichtig und echt, wie ich es aus meinen vorherigen Beziehungen nicht kannte. Beto hat mich ohne Wenn und Aber in sein Herz geschlossen und mir da einen festen Platz gegeben, den ich bis heute habe, ganz egal, wie sehr ich ihn manchmal mit meinem Verhalten zur Weißglut bringe. Diese bedingungslose Akzeptanz ist meiner Meinung nach ein wichtiger Schlüssel zu einer funktionierenden Ehe, auf die man gut achtgeben muss.

Unsere Liebe ist noch verhältnismäßig frisch und ich habe keine Ahnung, was in unserem Leben noch passiert, welche Schwierigkeiten wir zu bewältigen haben werden. Doch ich bin mir sicher, wenn man in seiner Beziehung bestimmte Werte etabliert hat und diese für beide Beziehungspartner einen Konsens bilden, so hat man immer etwas, woran man sich festhalten kann. Ich bin mir deshalb sicher, dass Treue nichts mit der Nationalität zu tun hat, sondern damit, wie man sich entscheidet, Beziehung zu leben.

Aber flirten die nicht ständig?

Ok, jetzt aber mal abgesehen von meiner Beziehung, im Alltag in Mexiko komme ich ja auch noch mit anderen Männern in Kontakt. Hierzu muss ich zugeben, dass mexikanische Männer schon kontaktfreudiger, freundlich-zuvorkommen bis hin zu penetrant nett und ja, „flirty“ sind. Wenn ich alleine durch die Straßen laufe, dann scheuen die Männer in der Regel nicht davor zurück, mir nachzuschauen oder zu pfeifen. Ich persönlich finde das aber nicht schlimm und bin auch noch nie mit einer diesbezüglich negativen Situation konfrontiert worden. Ob ich bislang einfach nur Glück hatte oder es tatsächlich nicht so schlimm ist, wie häufig von Mexiko-Urlauberinnen berichtet, kann ich leider nicht sagen. Man muss halt einfach auch sehen, dass es einen großen kulturellen Unterschied zwischen der deutschen und mexikanischen Mentalität gibt und dieser Unterschied in bestimmten sozialen Situationen eben besonders deutlich wird.

Mi Amor, mi Vida, mi Cielito, mi Corazon…

Einen Punkt möchte ich an dieser Stelle noch hervorheben: Die Sache mit der Sprache. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich das Spanische einfach als angenehm klingender empfinde, oder ob doch etwas dran ist, aber mexikanische Männer hüllen dich mit ihren Worten in einen süßen Mantel der Wohligkeit, den du nie wieder ausziehen möchtest. Mein Mann überschüttet mich regelrecht mit Kosewörtern, die alle tausendmal besser klingen als das im Deutschen gebräuchliche und doch auch irgendwie langweilige „Schatz“. Die Leidenschaft liegt hier wirklich oft im Detail und ich wollte nie wieder auf all die butterweichen, liebreizenden Bezeichnungen verzichten, die ich meinem Mann schon entlockt habe. Und selbst wenn ich mal wirklich angenervt bin: sobald er mit seinen süßen Kosenamen um die Ecke kommt, ist mein Groll verflogen. Hier denke ich liegt der Vorteil jedoch tatsächlich im Spanischen, denn selbst wenn man sich im Deutschen um mehr Abwechslung zu „Schatz“ und co. bemühen würde, so wäre es doch nicht das Gleiche.

Erster Blogbeitrag

Hallo und ein herzliches Willkommen auf meinem Blog. Mein Name ist Gisa und ich will das mit dem Bloggen jetzt auch mal versuchen. Die Idee zu einem Blog kam eigentlich schon vor ein paar Jahren, als ich das erste Mal nach Mexiko gereist bin. Mein damaliger Freund (und heutiger Ehemann) Beto meinte, das wäre doch eine gute Idee, Familie und Freunde auf dem Laufenden zu halten und sich mit anderen Mexiko-Interessierten zu vernetzen. Ich konnte mich aber irgendwie nie dazu durchringen, dachte, das kann ich doch nicht, das ist mir zu kompliziert, das interessiert doch niemanden… und viele weitere „gute“ Gründe.

Letzten Endes will ich es nun aber doch versuchen. Ich denke, was einem Angst macht, sollte man versuchen, und so will ich nun meine eigenen Vorbehalte überwinden, mich selbst ausprobieren und vielleicht ein paar neue Erfahrungen sammeln. Vor allem aber will ich ganz vielen anderen Menschen von diesem zauberhaften Mexiko berichten. Mexiko ist einfach ein atemberaubendes Land, das so unfassbar viele Facetten hat, so dass ich meine bisher gewonnenen Eindrücke und meine Begeisterung teilen will. Vielleicht kann ich ja den ein oder anderen mit diesem Zauber anstecken. In diesem Sinne viel Spaß beim Lesen…